Advent

Der lauschige, leise Kalender von B ’n B (brian O’Gott & Bernhard Lassahn)

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13 Tattoo

Fest heißt „Fest“, weil es fest ist.

So ist es tatsächlich: ein Fest nennen wir „Fest“, weil es fest ist. Daher der Name. An dem Termin wird nicht mehr gerüttelt. Auch wenn er einigen viel beschäftigten Managern nicht passt und sie Heilig Abend lieber um eine Woche verschieben würden … Es geht nicht. Es bleibt dabei. Der Termin wird eingehalten. Er ist fest.

So ist Weihnachten. Der Termin – 24.12. – ist fest und bleibt so. Der Tannenbaum behält sein Grün, auch zur Winterzeit. Zuverlässig und treu. Es gibt eben doch noch Dinge, auf die man sich verlassen kann. Das ist schön.

Die Menschen möchten etwas Festes. Sie brauchen das. Etwas, auf das sie sich verlassen können. Etwas, dem sie vertrauen können. Etwas, das sich nicht mehr ändert, was auch nicht mehr nachverhandelt wird. Wenn schon die Beziehungen nicht mehr richtig fest sind („Was?! Seid ihr jetzt etwa richtig fest zusammen?“), wenn es keine Preisbindungen mehr gibt und wenn auch die Fahrkarten flexibel sind (und die Ankunftszeiten sowieso nicht eingehalten werden), dann freut man sich um so mehr, dass es trotzdem noch etwas Festes gibt. Wenigstens etwas.

Tattoos sind auch etwas Festes

Die Sehnsucht nach etwas Festem zeigt sich auch an der Mode der Tattoos. Man sieht sie heute überall. Ob bei den neuen Stars, die Deutschland angeblich sucht oder beim Fußball. Man hat manchmal sogar den Eindruck, es ginge gar nicht mehr darum, Tore zu schießen, sondern nur noch darum, Tattoos vorzuzeigen.

Tattoos sind keine Abziehbilder. Die ist nicht nur aufgemalt. Das ist keine Schminke. Das soll jetzt so bleiben (zwar kann man es wieder entfernen lassen, aber …). Das ist in die Haut eingehämmert. Richtig fest. Das bleibt so – jetzt und immerdar.

 

Wer sich ein Tattoo machen lässt, gibt der Welt zu verstehen, dass die Entwicklung seines persönlichen Geschmacks und seines Empfindens für Schönheit, Kunst und Schmuck an einem Endpunkt angekommen ist. Das bleibt jetzt so. Endstation.

Was wollen uns die Zeichen sagen?

Siehe da: ein Delfin. Was soll das bedeuten? Ist eine Frau mit Delfin als Tattoo etwa eine gute Schwimmerin? Gar eine Rettungsschwimmerin? Oder will sie einfach nur ihre Vorliebe für diese wunderbaren Tiere zum Ausdruck bringen und uns signalisieren, dass sie Delfine besonders gerne mag – und nicht etwa Haie?

Sind die Zeichen auf ihrer Haut eher Warnungen oder Verlockungen? Will so eine Frau womöglich gerne deine Süße sein oder will sie dir Saures geben?

Ich wollte es wissen. Ich dachte, dass es sich dabei womöglich um Blindenschrift handelt und bin ganz vorsichtig mit der Fingerspitze darübergefahren. Mit Fingerspitzengefühl. Ein schönes Wort übrigens, das sich Joachim Heinrich Campe ausgedacht hatte: so richtig mit Fingerspitzengefühl. Man wundert sich. Man hält es gar nicht für ein deutsches Wort. Dabei gibt es das nur in Deutsch.

Ich wollte jedenfalls ausprobieren, ob ich ihr Tattoo (falls es Blindenschrift ist) mit der sanften Berührung meiner Finger entziffern konnte. Ich konnte. Ich habe es sofort an ihre Reaktion gemerkt. Es war klar, was sie mir damit sagen wollte. Übersetzen ließe sich das am besten mit der Formulierung: „Finger weg!“

12 Die Leiden des jungen Grafikers

Weihnachten in den Tropen

Weihnachten in den Tropen

Da hängt Lametta an den Antilopen!

Oh, Weh! Weihnachten in den Tropen wirkt wie ein einziger Fehler, als wäre nicht nur ein Detail, das man leicht austauschen oder verbessern könnte, falsch, sondern alles. Alles falsch. Alles Lüge. Alles fehl am Platze.

Sieh nur: diese aus dünnen Lichterketten gebildeten Rentiere in der Wüste von Ägypten, die so wirken, als würden sie mitten im Sprung innehalten, weil sie plötzlich selber merken, dass sie sich gründlich verrannt haben. Und sieh auch: dieses riesige Gebilde von einem Weihnachtsmannschlitten auf einem Flachdach in Australien, als hätte da ein verirrter Geisterfahrer einen vorläufigen Parkplatz gefunden. Wie wundersam ist das alles!

Rätselhafte Zeichen aus einer fremden Welt

Ich kann mich erinnern, dass auf dem Land im Norden, wo ich lebte, manchmal Manöver von englischen Truppen stattfanden. Die stellten zusätzlich zu den vorhandenen Verkehrsschildern eigene Schilder mit rätselhaften Zeichen auf, die eine Funktion für die Durchführung der Manöver hatten, aber keine für mich und für die Dorfbewohner.

 

So wirkt Weihnachten in den Tropen. Wie die Invasion einer fremden Macht, die eigene Schilder aufstellt. Es ist die Invasion des kommerziellen Weihnachtsfestes. Die Invasion des schlechten Geschmacks. Die Invasion der falschen Signale. Nicht nur in den Tropen. Da sticht es einem nur besonders deutlich ins Auge – auch bei 

Für alle, die es Weihnachten besonders schwer haben

Ganz besonders muss es denen ins Auge stechen, die ihre Augen an Schönheit gewöhnt haben, an sorgfältige Gestaltung, an Stil. An einen Blick auf die Welt, in der die Form der Funktion folgt.

Weihnachten ist immer auch die Zeit, in der wir derer gedenken, die sich besonders alleine fühlen. In den Radiosendungen von „Weihnachten auf hoher See“, an die ich mich erinnere, wurde den Seeleuten gedacht, die Weihnachten nicht zuhause sein konnten.

So will ich diesmal den Künstlern gedenken; den Designern, die zaubern können; den Fotografen, die den besonderen Blick haben, den schönen Frauen mit dezentem Make-up. Kurz: all denen, die auf ein gutes Aussehen achten. All denen, für die eine Erscheinung noch mit dem Wesen verbunden ist – all den Arbeitern mit Form und Farbe.

All denen, die es verstehen, Dingen ein kleines Glanzlicht aufzusetzen und nun von einem aufdringlichen Leuten wie von Halogen-Lampen so geblendet werden, dass sie in der Vorweihnachtszeit  ­– wie in den Tropen – Sonnenbrillen tragen müssen, weil es ihnen sonst zu stark ins Auge sticht.

Also: eine kleine Gedenkminute für den anspruchsvollen Designer.

11 Probleme bei der Überlieferung

Muss es immer ganz genau stimmen? Müssen die Orts- und Zeitangaben präzise sein? Gilt es sonst nicht? Verliert eine Erzählung womöglich an Bedeutung, wenn der Ort nicht stimmt? Oder die Zeit falsch angegeben wird? 

Kann man das überhaupt immer ganz genau sagen? Sind da nicht gewisse Ungenauigkeiten und Unschärfen unausweichlich?

Heisenberg fuhr einst viel zu schnell auf der Autobahn und wurde von einem Polizisten angehalten, der ihn fragte: „Wissen Sie eigentlich, wie schnell Sie gefahren sind?“ Darauf soll Heisenberg geantwortet haben: „Nein. Aber ich weiß genau, wo ich hergekommen bin.“

Irgendwann während meiner Zeit am Gymnasium hatte ich gehört, dass man mit neuen Berechnungen rausgefunden hätte, dass Jesus nicht etwa im Jahre null geboren wurde, sondern erst im Jahr vier.

 

Das fand ich zwar ärgerlich, weil ich im Geschichtsunterricht schon so viele Zahlen auswendig gelernt hatte – etwa zum Peloponnesischen Krieg von 431 v. Chr. Bis 404 v. Chr. –, es war aber auch nicht so schlimm. Ich müsste, wenn sich die neuen Rechnungen bestätigen würden, einfach nur zu den bereits auswendig gelernten Daten immer vier dazuzählen: 4 Plus – so wie mein Notendurchschnitt. Bei Terminen nach Christi Geburt entsprechend vier abziehen. Das war zwar lästig, aber damit hätte ich mich arrangieren können.

Ich hatte auch kein Problem damit, dass Jesus demnach erst vier Jahre später als ursprünglich angenommen ans Kreuz geschlagen worden wäre. Von mir aus hätte man ihn sogar noch länger leben lassen können. Aber dass er auch schon vier Jahre vor seiner Geburt auf die Welt gekommen sein sollte, das … also das … das konnte ich mir nicht so recht vorstellen. Irgendetwas in mir sträubte sich dagegen.

Es hat mich jedenfalls stark beschäftigt, und ich stand kurz davor, meine Eltern zu fragen, ob sie sich noch erinnern können, was sie eigentlich vier Jahre vor meiner Geburt gemacht hatten. Inzwischen finde ich, dass man mit Zeit- und Ortsangaben getrost großzügig umgehen kann. Das sind Probleme bei der Überlieferung, auf die es nicht wirklich ankommt. Hauptsache, der Sinn bleibt erhalten.

10 Es schneit im Walp

Wie man es spricht

Man schreibt es im Deutschen so, wie man es spricht. Mit dieser Faustregel hatte ich kein Glück. Es lag womöglich daran, dass ich einen Deutschlehrer hatte, an dem ein Schauspieler für die ganz, ganz große Bühne verloren gegangen war. Er sprach bei Diktaten so überprononciert, dass der Text bei offenem Fenster auch auf der gegenüberliegenden Straßenseite verstanden werden konnte; die Passanten draußen hätten mitschreiben können. Man konnte ihn nicht nur in der Klasse gut verstehen, sondern auch außerhalb.

Er diktierte: „Er zog das Hemd an“; ich schrieb: „Er zok das Hempt ann“. Er sagte „außerhalb“, ich schrieb „außerhalp“. Deutsch fünf.

Der Witzzwang ist deutsch!

Dass ich mich davon immer noch nicht richtig erholt habe, verrät das Lied „Es schneit im Walp“ – Walp wohlgemerkt. Warum Walp? Damit es sich auf außerhalp reimt. Deshalb. Das nennt man Reimzwang. Dem sind viele – eigentlich alle – Liedermacher erlegen.

Bei einigen Sonderlingen kommt noch der „Witzzwang“ dazu. Dass es sich dabei um ein deutsches Wort handelt, das international Karriere gemacht hat – zumindest in Medizinerkreisen – habe ich aus dem Buch Der Mann, der seine Frau mit dem Hut verwechselte von Oliver Sacks, erfahren.

 

Das hat mich gewundert. Ich wusste zwar, dass aus der deutschen Sprache schon so manches originelles Doppel-Substantiv in den internationalen Sprachgebrauch eingewandert ist – Blitzkrieg, Kindergarten, Doppelgänger, Weltschmerz, Ohrwurm, Zeitgeist, Schadenfreude, Schreibtischtäter … –, aber dass ausgerechnet „Witzzwang“ dazugehört, hätte ich nicht erwartet.

Nachgereichte Versöhnung

Deutsche und Zwang? Ja. Deutsche und Witze? Hm … Eher nicht. Mein erwähnter Deutschlehrer, der inzwischen gestorben ist, hatte jedenfalls keinen Sinn für Witze gehabt (für Zwang schon).

Ich möchte ihn nachträglich grüßen und ihm freundliche zuwinken. Ich mochte ihn eigentlich und nehme es ihm längst nicht mehr übel, dass er mir schlechte Noten gegeben hat. Er musste es tun. Weihnachten – ja, schon die Vorweihnachtszeit – ist immer auch die Zeit der Versöhnung. Ich bin inzwischen versöhnt mit ihm. Das gilt für die Erinnerung an die guten, alten Zeiten und jetzt und immerdar. Im Klassenraum und außerhalb.

Also dann: Es schneit im Walp!

9 Analog, digital, egal, egal

Es liegt am Alter. Ich gehöre noch zu denen, die Angst haben, aus Versehen das Internet zu löschen. Ich fühle mich unsicher im Umgang mit dem Internet und bezweifle, dass ich stets das richtige Wort parat habe und die Neuerungen wirklich verstanden habe.

Ich kann mich noch gut an den Moment erinnern, als ich merkte, dass mich die digitale Welt überholt, dass ich sie an mir vorbeirauscht und mich links liegen lässt – oder rechts. Es fing damit an, dass ich den Unterschied zwischen einem digitalen Anrufbeantworter und einem analogen nicht verstanden habe.

Musste man das überhaupt verstehen? Musste man das unterscheiden? Warum? War das wichtig? Der Anrufbeantworter, den ich neuerdings hatte – so vermutete ich jedenfalls –, war ein digitaler.

 

Dann geschah es. Ich wollte eine Freundin anrufen und hatte ein kleines Mädchen am Apparat, die mir sagte: „Die Mama schläft. Die kann jetzt nicht telefonieren“.

Da habe ich mich sogleich gefragt: War das jetzt ein analoger Anrufbeantworter? Ein digitaler war es jedenfalls nicht. Oder sollte man ihn Bio-Anrufbeantworter nennen? Ich wusste es einfach nicht.

Seither ist die Schere immer weiter aufgegangen zwischen der richtigen und der digitalen Welt. Mein Unverständnis nimmt zu. Zum Glück habe ich jugendliche Berater, die mir auf die Sprünge helfen und mir sagen, wohin ich mich wenden kann, wenn ich Fragen habe.

8 Das Übel des Vergleichs

Mit dem Vergleich – das meinte jedenfalls Jean-Jacques Rousseau – kam das „Übel“ in die Welt. Vorher war es offenbar besser gewesen. Ohne Vergleich. Es stimmt schon: Die Leute vergleichen sich bei jeder Gelegenheit. Beispielweise vergleichen sie das, was andere getan haben mit dem, was sie selber gerne tun wollen (aber nicht tun). Das Ergebnis so eines Vergleichs fällt nicht gerade vorteilhaft aus, und das ist dann übel. 

Viele Vergleiche machen die Leute neidisch: Sie sehen den Glanz, den andere verbreiten und erkennen nicht die Mühe, die es erfordert, etwas glänzen zu lassen. Auch übel. Heute hört man oft: „Das kann man nicht vergleichen“ oder auch „Das darf man nicht vergleichen“.

Doch. Kann man. Soll man sogar. Wenn man etwas vergleicht, sieht man die Gemeinsamkeiten (so viele sind es gar nicht – Überraschung) und sieht die Unterschiede (mehr, als man dachte – nächste Überraschung). Vergleiche sind nicht übel. Es kommt darauf an, was man vergleicht.

Ungleichheit gleich „Unrecht“

Wer sagt „Das kann man nicht vergleichen“, meint eigentlich etwas anderes. Er meint: „Das darf man nicht gleichsetzen.“ Geschenkt. Gleichsetzen kann nur, was auch gleich ist. Vergleichen ist nicht gleich gleichsetzen. Doch wenn etwas nicht gleich ist, dann erspähen wir da sofort eine „Ungleichheit“, und eine Ungleichheit setzen wir mit „Unrecht“ gleich (Ungleichheit = Unrecht). Deshalb werden heute überall Vergleiche angestellt: Welche Gruppe ist besser als die andere? Welche verdient mehr? Welche ist größer? 

Wenn man sich dann außerdem fragt, wie man dieses „Unrecht der Ungleichheit“ beseitigen kann, um die Gruppen besser aneinander anzugleichen, dann sind wir sogleich bei den neuen Übeln des Vergleichs angelangt. Ich weiß nicht, ob Rousseau das auch so gemeint hatte. Ich wiederum meine: Wenn man richtig vergleicht, erkennt man auch die Unterschiede.

Wie auch immer: Es werden ständig neue Studien, Statistiken und Gegenüberstellungen von Durchschnittswerten erstellt. Sehen wir uns einmal so einen Vergleich an. Es geht dabei um ein Tier, das in verschiedenen Weihnachtsliedern besungen wir

7 Weihnachten in Deutschland

30 Jahre ist es her

Seit 30 Jahren sind die deutschen Teile wieder zusammen. Nicht nur zur Weihnachtszeit.

Vorbei sind die Zeiten, als wir in der Weihnachtszeit Kerzen in die Fenster gestellt haben für die „Brüder und Schwestern“ im Osten. Oma, Opa, Tante und Onkel waren mitgemeint. Besonders wichtig waren die Schwestern. Wenn man schlecht über die „von drüben“ reden wollte, sagte man „ich kenne die Brüder“. Damit war jedes Urteil ausreichend begründet – mit einer Schwester wäre das nicht passiert.

Vorbei sind auch die Zeiten, als drüben ein Weihnachtsengel „geflügelte Jahresendfigur“ genannt wurde. So sagte man in der DDR, die mit solchen Wortschöpfungen sich vom kapitalistischen Westen und von christlichen Traditionen abgrenzen wollte. Doch so richtig geflügelt war das Wort in Wirklichkeit gar nicht und bürokratische Wortungetüme gab es im Westen auch. Aber es ist eine schöne Mär, die man sich nun zu Weihnachten erzählen kann.

 

Vorbei sind auch die Zeiten, als man glaubte, an der Laune der Grenzbeamten den Zustand der inndeutschen Beziehungen ablesen zu können. Zeigten die neuen Schikanen etwa, dass uns eine neue Eiszeit bevorstand? Oder deuteten unverhoffte Erleichterungen auf ein kommendes Tauwetter hin? Ganz anders ist es heute: Über bevorstehende Eiszeiten, kommende Tauwetterperioden oder gar drohende Erderwärmungen geben nicht mehr die Grenzer Auskunft, sondern … Sie wissen schon: die Fridays-for-Future-Schüler. Die hätte es in der DDR nicht gegeben.

Also, machen Sie ein Ohr frei und lauschen Sie den gesamtdeutschen Impressionen zur Weihnachtszeit.

6 Probleme mit der Rute

Der Nikolaus kommt. Heute ist der Tag der Rute. Aber keine Sorge – das war einmal. Das muss vor meiner Zeit gewesen sein. Ich habe das nicht mitgekriegt. Ich war sowieso von Anfang an dagegen.

Ich bin auf dem Land aufgewachsen und in eine Zwergschule gegangen, in der – es ging nicht anders – mein Vater zugleich mein Lehrer war. Wenn ich selber später auch Lehrer geworden wäre – was ich durchaus vorhatte – dann wäre aus mir jemand geworden, den Urs Widmer als „lebenslänglich Schulhäusler“ charakterisiert hätte: in die Schule, aus der Schule, wieder in die Schule, immer nur Schule.

Migrationshintergrund habe ich außerdem, aber hauptsächlich bin ich von einem dermaßen starken Pädagogik-Hintergrund geprägt, dass es mir selbst heute nicht leichtfällt, die erworbene Pädagogen-Mentalität, die leicht ins Gutmenschenhafte abgleitet, abzulegen wie einen aus der Mode gekommenen Mantel.

Als ich nicht mehr in die Zwergschule, sondern aufs Gymnasium ging, aber immer noch im Schulhaus wohnte, habe ich und bei Advents- und Weihnachtsfeiern ausgeholfen, habe das traditionelle rote Kostüm übergeworfen und den Weihnachtsmann gegeben. Ich tat es nur unter eine Bedingung: Keine Rute!

 

 

Inzwischen hatte sich herumgesprochen, dass die Prügelstrafe endgültig der Vergangenheit angehört und dass – wie man gerüchteweise hörte – demnächst überall die anti-autoritäre Erziehung eingeführt würde. Da wollte ich auch ein Teil der fortschrittlichen Bewegung sein und als progressiver Weihnachtsmann grundsätzlich ohne Rute auftreten.

Ich war bestimmt nicht der erste Weihnachtsmann ohne Rute, doch es kam mir so vor. Pädagogisch vorgelastet und vom Zeitgeist angehaucht brachte ich persönlich den kulturellen Wandel ins Dorf: Ich war der sanfte Weihnachtsmann, die Verkörperung des Männer-Ideals des Softies. Ich kam nicht etwa draußen vom Walde, sondern direkt aus dem Schulhaus und brachte Verständnis statt Rute, Gespräche statt Strafe.

Die Gespräche finden immer noch kein Ende. Später werden wir vielleicht sagen: Gut, dass wir drüber geredet haben. Es wird immer wieder neu verhandelt. Die Sache mit der Rute ist noch nicht geklärt. Auch heute nicht. Obwohl es viele neue Hilfsmittel gibt.

5 Weihnachten in trauter Zweisamkeit

Es ist nicht immer nur lauschig.

Gerade in der Weihnachtszeit tun sich Abgründe auf und nichts kann einem so viel Qual bereiten wie Geschenke, die mit Liebe gemacht sind.

„… von Corinna bekam ich ein Männerparfum von Clive Christian. Darauf hatte ich mich schon gefreut, seit ich die Flasche in ihrer Wohnung entdeckt hatte. Während ich große Überraschung spielte, wusste ich, daß ich bei Ebay mindestens zweihundert Euro dafür kriegen würde. Dann müsste ich allerdings häufiger duschen, damit mein Körpergeruch nicht mehr Dauerthema zwischen uns wäre.“

So schreibt es Georg Weisfeld in einer Weihnachtsgeschichte. Er hat natürlich auch ein Geschenk für seine Liebste: selbst gestrickte Socken.

 

„Corinna riss die mühsam zusammengekleisterte ‚Enge-lein-blasen-in-Trompeten‘-Verpackung auf, schrie entzückt ‚Neiiiiin!‘ und hielt sich eine Socke an den rechten Fuß.

Nun folgte eine gekonnte ‚Chaka-mir-geht-es-gut‘-Performance, indem sie auf mich zukam, um mir einen innigen Kuss und eine innige Umarmung zu verpassen. Ich spürte ihre Enttäuschung. Die sehnlichst gewünschte Handtasche von Moncler war einfach nicht drin gewesen.

Hier passen offenbar die finanziellen Verhältnisse nicht richtig zusammen.

Aber Geld ist nicht alles. Es gibt ja auch noch Liebesfreud und Liebesleid. Wie sieht es damit aus?

Passt das zusammen?

4 Lass uns Winterschlaf halten

Dieser Kalender mit Laterne nennt sich „der lauschige Kalender“. Für alle, die es besser wissen, möchte ich an dieser Stelle sagen: Ja, ich weiß: Der Kalender selber lauscht nicht, der Kalender selber ist nicht lauschig. Der Hörer ist es, der lauscht. Nicht der Kalender. Lauschig ist das ganze Drumherum der Vorweihnachtszeit. 

Es geht bei solchen fragwürdigen Bezeichnungen immer um Menschen, nicht um Geräte. Der Fernseher lässt ja auch nicht – nur weil er so heißt – von sich aus seinen Blick in die Ferne schweifen. Das müssen schon die Menschen machen.

Falls alle, die es immer noch nicht wissen, ob Menschen oder Dinge gemeint sind, habe ich hier ein paar Empfehlungen. Einige Ratgeberbücher, die womöglich Hilfestellungen geben und Klarheit schaffen können.

Buchtipps:

»Das leckere Kochbuch«

»Der praktische Leitfaden zum Selbernähen«

»Gewichtheben – leicht gemacht«

»So lernt man lernen«

Mit einer Einführung in das Lernen-lernen-lernen.

»Ansteckende Krankheiten für Jedermann«

 

»Reiseführer mit Tipps, die garantiert in keinem Reiseführer stehen« –

auch in diesem nicht.

»Ich weiß alles besser«

            Ratgeber für Leute, die alles besser wissen

»Ich weiß alles besser«

            Ratgeber für Leute, die alles besser wissen

            (Zweite verbesserte Auflage)

 

Also: lauschig ist die Stimmung zu Weihnachten. Nicht der Kalender selber. So lauschig ist die Stimmung auch nicht immer. Jedenfalls nicht draußen. Wenn es uns da zu ungemütlich wird, dann sollten wir uns verkriechen und so lange Winterschlaf halten. Machen wir es den Bären nach.

3 Die leise Botschaft

Zu laut!“ Das meinten damals – lang ist es her – meine Eltern und all die nahen und fernen Verwandten, wenn ausnahmsweise Musik von solchen Wundergruppen wie den Beatles, den Rolling Stones, den Kinks oder Troggs im Radio lief, „zu laut! Zu laut!“

Falsch! Ich meinte damals, nicht nur einen überlegenen Musikgeschmack – und das überlegene Weltverständnis – zu haben, sondern all die Ignoranten und Kritiker der Beat-Musik gerade bei einem unzulässigen Gegenargument erwischt zu haben.

 

Es war nicht zu laut. Wie stellten sie sich das denn vor? Das Radio drehte doch nicht plötzlich von selber die Lautstärke auf, der Regler blieb auf dem Posten. Diese Kritiker und Ignoranten stellten sich offenbar dumm. Als wüssten sie nicht, dass es einen Drehknopf zur Lautstärkeregulierung gibt und dass es in ihrer Macht steht, die Musik leise oder laut zu stellen. Der Mensch regelt das, das Radio macht das nicht von alleine.

2 Wie es war und wie es ist Wie es ar und wie es is

Wer einen Adventskalender hat, ist jung geblieben und geht munter vorwärts zurück in die Kindheit. Er erinnert sich daran, dass er immer schon wusste, dass das Beste erst noch kommt. Mit einem Adventskalender hat man stets eine Zukunft, auf die man sich freuen kann und eine Vergangenheit, an die man sich gerne erinnert. Nun ja, so schön war es nicht. So schön ist es auch nicht. Draußen nicht. Drinnen nicht.

 

Aber spätestens in der Erinnerung wird es schön; denn die Erinnerung – so hat es jedenfalls Jean Paul gesagt –, ist eine Sonnenuhr. Erstaunlicherweise funktioniert diese Sonnenuhr auch bei bedecktem Himmel und im unaufgeräumten Zimmer bei Kerzenlicht.

1 Winterzeit

Diesmal ist es ein Kalender, den man sich in aller Ruhe anhören kann:

Ein Kalender zum Zuhören also, zum Lauschen: ein lauschiger Kalender. Mit Laterne.

Oh, Weh, ein Kalauer, ein Wortspiel. Soll das etwa ein Kalauer-Kalender sein? 

Nein. Das heißt: Ja. 

Ja, aber …

Aber schon Robert Gernhardt (ich glaube, er war das, ich war es jedenfalls nicht) sagte, dass die Wortwitze gemacht werden müssen, sie bestehen drauf, sie drängeln sich vor, sie wollen raus. Alle. 

 

Wir werden erst dann Erlösung finden (ich glaube, er sprach tatsächlich von „Erlösung“), wenn alle Witze gemacht worden sind.

Ob wir uns nach so einer Erlösung besser fühlen werden, ist natürlich eine ganz andere Frage. Aber so weit kommt es sowieso nicht. Wir gehen der Erlösung in kleinen Schritten entgegen, wir kommen niemals an. Wir kommen der Erlösung immer nur „ein Stück weit“ (Wer war das noch mal, der das dauernd sagte? Ich komme gerade nicht drauf …) entgegen.